Ist der Konsum von Cannabis und anderen THC-haltigen Produkten gefährlich für Kinder? Bekommen schon Minderjährige Drogen in einem Coffeeshop? Ein Besitzer stellt sich den Fragen besorgter Eltern. Unsere Autorin war mit dabei.

 

August de Loor ist hinter dem Tresen seines Amsterdamer Coffeeshops voll in seinem Element. Der Sechzigjährige steht in Badelatschen, psychedelisch gemustertem Hemd und braunem Cordjackett vor einer Gruppe von rund zwanzig Erwachsenen, die ihn erwartungsvoll anschauen. Der Raum ist nur spärlich beleuchtet, lediglich drei große, ballonartige Lampen, die über dem Tresen hängen, spenden ein wenig Licht. Mal leuchten sie pink, mal blau oder grün. Es riecht leicht süßlich-herb nach Haschisch, darunter mischt sich der Duft von frisch gebrühtem Kaffee. August de Loor fordert die Gruppe auf, Fragen zu stellen. Nach einem kurzen Moment der Stille fasst sich Jürgen Meisenbach als erster ein Herz. Er möchte wissen, was passiert, wenn sein 15-jähriger Sohn den Coffeeshop betreten würde. Der Experte von der Kölner Fachstelle für Suchtprävention hat die Fahrt nach Amsterdam organisiert. Die Eltern haben die Chance, einen Coffeeshop zu besichtigen und Fragen rund um das Thema Cannabis zu stellen. Die Idee für die Fahrt nach Amsterdam kam Jürgen Meisenbach auf einem von ihm veranstalteten Seminar mit dem Titel „Hilfe, mein Kind pubertiert!“ Besorgte Eltern wollten wissen, was genau in Coffeeshops vor sich geht, und ob sie Ihre Kinder dort überhaupt hinlassen sollten.

Eine der mitreisenden Eltern ist Anne Ostermann. „Ich will einfach mehr wissen, als meine Kinder“, sagt sie und streicht sich eine Strähne ihrer langen braunen Haare aus dem Gesicht. Die 36-jährige Diplom-Ingenieurin hat drei Kinder zwischen neun und zwölf Jahren. Das Angebot der Kölner Fachstelle für Suchtprävention hat sie gern angenommen. „Es ist immer besser, schon informiert zu sein, wenn das Problem auftaucht. Dann steht man als Mutter hinterher nicht völlig hilflos da.“ Ihre älteste Tochter, 12, geht in die achte Klasse eines Gymnasiums in Köln. Unter ihren Mitschülern waren Drogen bisher kein Thema. Ganz anders sieht das auf der Gesamtschule aus, auf die die jüngere Tochter geht. „Bei denen ist Rauchen bereits ein Thema, obwohl sie erst in der sechsten Klasse sind“, berichtet Anne Ostermann.


500 Gramm Hasch als Limit

Drogenkonsum unter Minderjährigen ist eines der vielen Themen, die den Eltern an diesem Tag am Herzen liegen. „Haben Minderjährige wirklich keinen Zutritt zu den Coffeeshops hier in Amsterdam?“, will eine Mutter wissen. August de Loor zieht eine Augenbraue hoch und atmet tief ein, bevor er zu einem ausführlichen Monolog ansetzt. „Wer das erste Mal nach Amsterdam kommt, denkt, alles sei möglich. Das ist aber überhaupt nicht so!“ Coffeeshops seien keine Drogenhöllen, in denen sich Kinder zu Tode kiffen. Jeder Shop dürfe am Tag maximal 500 Gramm Hasch verkaufen, und wenn er den Eindruck habe, dass jemand noch nicht volljährig sei, dann lasse er sich den Ausweis zeigen, so de Loor. Lediglich vor dem Konsum so genannter „Space-Cakes“, Hasch-Keksen also, warnt er: „Wenn Sie Hasch rauchen, geht es sofort ins Blut, Sie merken den Effekt innerhalb weniger Minuten. Wenn Sie unerfahren sind und Hasch in einem Space-Cake essen, dauert es viel länger, bis die Wirkung eintritt. Vielleicht haben Sie dann schon so viel gegessen, dass Sie einen größeren Rausch bekommen, als Sie wollten.“

Während einer Mutter bei de Loors Ausführungen über die Gefahren der „Space-Cakes“ der Mund offen stehen bleibt, fängt eine andere an zu lachen. Es ist der Name des berauschenden Gebäcks, der ihr die Tränen in die Augen schießen lässt. Aufgemuntert durch die gelöste Stimmung fasst ein Vater schließlich Mut, eine Frage zu stellen, die er, wie er zugibt, für „ein wenig naiv“ hält: „Ist Kiffen jetzt gefährlich für mein Kind oder nicht?“ August de Loor reagiert zunächst nicht. Mit in den Nacken gelegtem Kopf ist er gerade dabei, den letzten Tropfen Kaffee aus seiner Tasse zu trinken. Für ihn antwortet sein Kompagnon Marc, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte. „Natürlich ist es nicht ungefährlich, aber kein Vergleich zu Alkohol. Ich bin jetzt 41 Jahre alt und kiffe jeden Tag. Mein Sohn ist jetzt 18, und ich habe kein Problem damit, dass er kifft. Es gibt so viele Gefahren auf der Welt. Nehmen Sie zum Beispiel Zucker und Übergewicht.“ Marc tätschelt sich seinen dicken Bauch. Dann fällt ihm August de Loor ins Wort: „Cannabis ist kein Problem. Wer Probleme damit hat, der hatte sie schon vorher. Cannabis ist heiliger als der Papst!“ Anne Ostermann sieht skeptisch in de Loors Richtung. Und auch Jürgen Meisenbach ist erstaunt: „Kiffen ist sehr wohl schädlich. Wer regelmäßig kifft, schädigt seine Gesundheit“, stellt der Experte später klar. Folgen jahrelangen Haschisch-Konsums seien Einschlafstörungen, im schlimmsten Fall sogar eine Psychose. Deswegen sei es für die Eltern sehr wichtig, informiert zu sein.

Wertvolle Informationen

Dass der Besuch im Coffeeshop nicht unbedingt dazu beigetragen hat, die Eltern zu beruhigen, ist Jürgen Meisenbach klar. Für sinnvoll hält er die Reise trotzdem. „Es gibt mit Sicherheit andere Coffeeshops, in denen es unproblematisch ist, als Minderjähriger an Haschisch zu kommen.“ Die Informationen allerdings, die die Eltern auf ihrer Reise nach Amsterdam bekommen, seien sehr wertvoll.

Für Anne Ostermann hat sich die Reise nach Amsterdam auf jeden Fall gelohnt. Genau wie Jürgen Meisenbach ist sie der Meinung, dass es den Eltern vor allem darum ginge, Informationen zu sammeln. Und zum Amsterdamer Stadt- und Coffeeshop-Bild gehören skurrile Gestalten wie August de Loor einfach dazu.

Als dieser die Gruppe nach ihrer Besichtigungstour vor seinem Coffeeshop verabschiedet, lässt er sich noch schnell zu einer kleinen Reise in seine Vergangenheit hinreißen. „In einem früheren Leben war ich mal Priester“, erzählt er mit einem Augenzwinkern. „Die Leute wollen mich reden hören, die glauben mir alles.“ Alle lachen. Zufrieden schwingt sich August de Loor auf sein Fahrrad und fährt über das holprige Kopfsteinpflaster fröhlich winkend davon.

Experten-Rat: Regeln zur Suchtvorbeugung

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