Cannabis als Medikament

Der Kissinger Frank Clemens ist der Erste in Bayern, der die Droge vom Arzt zur Schmerztherapie verordnet bekommt.

Sie duftet unerhört süßlich. Nahezu betörend. Es ist die Pflanze, die seit jeher eine Flower-Power-Nostalgie umgibt. Für den Kissinger Frank Clemens ist sie die Medizin, die ihm das Leben erträglich macht. Der 44-Jährige ist der Erste in Bayern, der Cannabis als Medikament verordnet bekam. „Mit Cannabis kann ich schmerzfrei leben.“

Clemens ist nach einem Badeunfall am Ellertshäuser See mit 17 Jahren vom Kopf abwärts gelähmt. „Mit viel Glück und Willen bin ich aber wieder auf die Beine gekommen“, sagt er heute. Eine Art medizinische Sensation sei das gewesen.

Angefangen zu kiffen habe er schon mit 18, erzählt er. „Damit konnte ich vor allem meine Spastik gut behandeln.“ Dass er entsprechende Kontakte zur Szene hatte inklusive Ärger mit Polizei und Justiz, liegt auf der Hand.

 

Vor acht Jahren trifft Clemens ein weiterer Schicksalsschlag. Am Deutschen Krebsforschungszentrum diagnostizieren Ärzte bei ihm ein Liposarkom. Das klang sehr nach „bald waagrecht unter der Erde liegen“, erinnert sich Clemens. Es folgten Chemotherapie und schwere Operationen, unter anderem eine so genannte Rippenteilresektion. Aber: „Der scheiß’ Krebs sollte mich nicht kleinkriegen.“

Seit ihm Rippen- und Muskelteile entfernt wurden, leidet der 44-Jährige an chronischen Schmerzen. „Ein pochender, drückender Schmerz, ein Phantomschmerz.“ Er könnte an besonders schlimmen Tagen direkt mit dem Rollstuhl die Wand hochfahren, sagt er. Doch der regelmäßige Cannabis-Konsum lindere die Schmerzen enorm. „Die täglichen Joints erhalten mir die Lebensqualität.“

Mit Beharrlichkeit und anwaltlichem Engagement hat Clemens vor einem Jahr durchgesetzt, dass er Cannabis legal aus der Apotheke beziehen kann. Unter strengen Auflagen – „und um ein Vierfaches teurer als auf dem Schwarzmarkt“. Die Hälfte seiner monatlichen Erwerbsunfähigkeitsrente gehe dafür drauf, sagt Clemens. „Die Kasse zahlt das nicht.“

Das Marihuana, gerne „Gras“ genannt, die Blüten der Cannabispflanze, zerkleinert Clemens mit einem Wiegemesser auf einem Schneidbrett im Wohnzimmer und dreht sich daraus seine Joints. Seine Apotheke bezieht die Pflanze aus den Niederlanden. Die Qualität ist mit 18 Prozent Wirkstoffgehalt an Tetrahydrocannabinol enorm hoch. „Cannabis sollte ganz gezielt legalisiert werden“, ist die Forderung der Arbeitsgemeinschaft für Cannabis als Medizin, in der sich der 44-Jährige engagiert.

Über Facebook steht er mit weltweiten Cannabis-Aktivisten in Kontakt. „Es herrscht allgemein ein sehr schlechter Informationsstand in der Bevölkerung“, kritisiert Clemens. Dass Cannabis hierzulande als Einstiegsdroge gilt sowie Erwerb und Besitz unter Strafe stehen, will er nicht akzeptieren. „Wenn ich das Gequatsche schon höre.“

Clemens weiß von anderen chronisch Kranken, die sich Cannabis nach wie vor illegal besorgen müssen, um die medizinische Wirkung zu erreichen. Er selbst gibt sich ob seines Schicksals kämpferisch, und meist mit einem Schuss Selbstironie in der Stimme. Verbittert ist er nicht, down auch nicht. „Warum auch? Cannabis wirkt auch auf meine Psyche.“

Quelle: mainpost.de

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