kreieren Konsumenten neue

 

Der Verein Eve & Rave führt das grösste Drogenforum der Schweiz. Im Interview verrät Vizepräsident Roman Buchs, was am meisten konsumiert wird und warum immer neue Substanzen als Drogen missbraucht werden.

Plakat für eine Ecstasy-Tagung, organisiert von Eve & Rave, 1997.

Plakat für eine Ecstasy-Tagung, organisiert von Eve & Rave, 1997.

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Zur Person

Roman Buchs ist seit 6 Jahren ehrenamtliches Mitglied und Vizepräsident von Eve & Rave Schweiz. Er wohnt in Zürich.

Was ist Eve & Rave?

Eve & Rave (Schweiz) wurde im Jahre 1996 auf eine Initiative des Soziologen Helmut Ahrens gegründet. Seit den Anfängen leistet Eve & Rave Präventionsarbeit in den Bereichen Rauschverhalten und Drogenkonsum sowie HIV. Dabei wird vor allem auf Sensibilisierung des Risikobewusstseins, Stärkung der Kompetenz im Umgang mit Drogen sowie eine Schadensminderung gesetzt.

Im Forum der Internetsite von Eve & Rave informieren sich die User beispielsweise über neue Substanzen, die im Internet erhältlich, aber noch nicht verboten sind. Sie tauschen Erfahrungsberichte aus, auch über unerwünschte Nebenwirkungen. Mit 120’000 Unique Clients gehört das Eve & Rave-Forum zu den grössten deutschsprachigen Drogenforen und wächst jedes Jahr um etwa zwei Prozent. 40 Prozent der Besucher kommen aus Deutschland und Österreich, der Rest aus der Schweiz.

Wie hat sich der Konsum von Partydrogen in den letzten Jahren verändert?
Die auffälligste Veränderung ist, dass in den letzten Jahren die Basischemikalien für den Ecstasy-Hauptwirkstoff (MDMA) verknappt wurden. Dies, weil Länder, insbesondere China, die das Gesetz zuvor lascher umsetzten, es plötzlich strenger handhabten. Daraufhin wurde der Markt mit schlechten Ecstasy-Pillen überschwemmt, was sich wiederum auf den Konsum auswirkt.

Wie?
Die Leute sind vorsichtiger geworden, sie kaufen beispielsweise gar keine Pillen mehr oder weichen aus auf reines MDMA. Viel häufiger sieht man auch Mischkonsum, da wird beispielsweise eine Basis gelegt mit einer eher beruhigenden Substanz, dazu wird dann etwas Aufputschendes genommen.

Welche Drogen werden im Forum am meisten nachgefragt?
Das hängt ganz von der Berichterstattung der Medien ab. Wenn beispielsweise der «Tages-Anzeiger» über Ritalin berichtet, dann wird das bei uns auch stark nachgefragt. Und auch Substanzen, die gerade neu aufkommen, wie zum Beispiel jetzt gerade Mephedron, sind ein grosses Thema.

Dann hat das Forum also auch einen gewissen Werbeeffekt?
Das kann passieren, aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Anfangs Jahr kam über England und Deutschland zum Beispiel eine Substanz namens Spice auf, eine Kräutermischung, die als Cannabis-Ersatz gehandelt wurde. Das gab einen kleinen Hype, viele nahmen es und schrieben ihre Erfahrungen auf. Mit der Zeit kristallisierte sich heraus, dass die negativen Wirkungen überwogen. Hier war also der gegenteilige Effekt zu beobachten.

Seid Ihr also auch eine Art Frühwarnsystem für neue Drogen?
Meistens geht es relativ schnell. Wir sind gut vernetzt und es gibt viele User, die auch in anderen, englischsprachigen Foren aktiv sind und so findet der Austausch schnell statt. Wir finden es gut, dass wenn etwas Neues draussen ist, die Leute sich bei uns informieren. Viele bestellen das ja einfach und probieren es mal aus, ohne sich zu informieren. Manchmal sprechen sie nicht mal Englisch, können sich also nicht ausreichend informieren.

Was halten Sie von solchem Konsumverhalten?
Es ist natürlich nicht so schlau, aber das muss jeder selber wissen. Es hat auch damit zu tun, dass die Meisten Substanzen, die Spass machen, verboten werden. Da schauen sich die Leute auch nach zum Teil riskanten Alternativen um. Eine Folge der Illegalisierung von Substanzen.

Wie soll man also vorgehen, wenn man etwas gehört hat und neugierig ist auf eine bestimmte Substanz?
Man soll sich einfach informieren, das ist unser Credo. Wir achten auch darauf, dass im Forum keine potenziell gefährliches Konsumverhalten propagiert wird, beispielsweise bedenklicher Mischkonsum.

Das Pferde-Betäubungsmittel Ketamin kam anfangs der Nullerjahre in England gross in Mode und es hiess, diese Welle werde bald auch die Schweiz erreichen – ist das eingetroffen?
In England ist Ketamin vor allem wegen der Pferderennszene leicht erhältlich und deshalb auch populär. In der Schweiz konnte sich das nicht durchsetzen, das sieht man auch im Forum, wo es wenige Einträge dazu gibt. Es ist ja auch nicht in dem Sinne eine Partydroge, weil es einen eben ziemlich weghaut.

Wie werden neue Substanzen eigentlich etabliert?
Das kann man vielleicht anhand des schon erwähnten «Spice» zeigen. Das war ein künstliches Cannabinoid, das von einem Wissenschafter deriviert wurde. Er hat das dokumentiert und die Arbeit im Internet zugänglich gemacht. Dann kommen Hobbywissenschafter, die die Substanzen nachbauen, sie zum Beispiel in harmlose Kräutermischungen packen und über Shops im Internet vertreiben.

Auf Eve&Rave.ch wird momentan vor der Droge 2CB-Fly gewarnt – was ist das?
Das ist eben ein so genanntes Research-Chemical, ein Phenethylamine, das über irgendwelche Internetseiten und Labors in China vertrieben wird. Es scheint da aber eine Lieferung aus Dänemark zu geben, bei der ein Fehler unterlaufen ist, es war eine andere Substanz als gedacht. Und so ist es zu Todesfällen gekommen.

Gibt es auch problematische Posts im Forum?
Ja, haufenweise. Viele melden sich an, weil sie sich einfach Substanzen besorgen wollen, die machen uns das Leben schwer. Dann gab es den Fall dieser Frau, die ihren Vater erschoss, hat bei uns im Forum nach einer Waffe gefragt, weil sie dachte, hier treiben sich alles Drogendealer herum und die hätten ja alle eine Waffe. Es gibt auch jene, die Erfahrungsberichte schreiben, etwas nehmen und dann live aufschreiben, wie es ihnen geht.

Wie gehen Sie damit um?
Wir sagen, sie sollen nicht zu viel nehmen und sich genau informieren. Und wenn sie zu viel nehmen, dann sollen sie zum Arzt gehen. Wir betreiben Schadensminderung, wir sagen, dass jeder selber für sein Handeln verantwortlich ist. Anders als staatliche Stellen glauben wir nicht an eine drogenfreie Gesellschaft, darum versuchen wir durch unser niederschwelliges Angebot zu informieren und betreuen.

Hatten Sie schon einmal Probleme mit der Polizei?
Die wissen natürlich, was wir machen, aber sie lassen uns in Ruhe. Nein. Zum einen ist unser Verein eng verknüpft mit staatlichen Stellen wie Streetwork oder der Nationalen Arbeitsgemeinschaft Suchtpolitik. Zum anderen achten wir auf strikte Einhaltung der geltenden Gesetze und unserer noch viel strengeren Forenregeln. Und ich glaube auch, dass die Behörden froh sind, dass wir hier Gratis-Drogenberatung machen.

Quelle: bazonline.ch

 

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