Cannabis war als Arzneimittel schon über Jahrtausende hinweg in Verwendung. In den letzten hundert Jahren wurde der Gebrauch allerdings stark eingeschränkt. Eine neue Studie könnte das ändern: Sie zeigt, dass Cannabis dreimal täglich geraucht chronische Nervenschmerzen lindert, den Schlaf verbessert und Depressionen reduziert.

Menschen mit chronischen neuropathischen Schmerzen, ausgelöst durch posttraumatische oder postoperative Schäden, haben meist nur wenige Behandlungsmöglichkeiten: Opioide, Krampflöser, Antidepressiva, lokale Anästhetika. Die Wirkung der Mittel variiert jedoch von Patient zu Patient und die Liste der Nebenwirkungen ist lang.

Ein Team von der McGill University in Montreal, Kanada, hat herausgefunden, dass ebensolche chronische Nervenleiden auch mittels inhaliertem Cannabis, bzw. dem darin enthaltenen Wirkstoff THC, behandelt werden können.

Ein Team von der McGill University  in Montreal, Kanada, hat herausgefunden, dass ebensolche chronische Nervenleiden auch mittels inhaliertem Cannabis, bzw. dem darin enthaltenen Wirkstoff THC, behandelt werden können.
Rauchen, nicht schlucken

Wesentlich sei dabei die Verabreichung des Medikaments durch Inhalation – was im Klartext heißt: Es muss geraucht werden. Bisher wurde der Wirkstoff eher oral als Extrakt eingenommen. Für die Studie stellten sich 21 Personen zur Verfügung. Diese wurden in vier Gruppen unterteilt, die jeweils eine unterschiedliche Dosis des Wirkstoffs THC zu sich nahmen.

Dreimal täglich rauchten die Probanden 25 mg entweder völlig wirkstofffreies, oder mit 2,5 Prozent, 6 Prozent oder 9,4 Prozent THC angereichertem Cannabis für die Dauer von fünf Tagen. “Dabei haben wir herausgefunden, dass die Gruppe mit dem 9,4-prozentigem Cannabis eine deutliche Reduzierung der Schmerzen verspürt hat”, sagt Mark Ware, Direktor des McGill University Health Centers.

Als weiteren positiven Effekt nennen die Probanden, dass sie leichter und schneller einschlafen und während des Schlafes nicht so oft aufwachen würden. Auch hätten sich Angstgefühle und Depressionszustände verbessert.
Droge oder Medikament?

Zwar ist Cannabis ein pflanzliches Produkt, jedoch wie die chemisch erzeugten Medikamente nicht nebenwirkungsfrei. Die häufigsten Probleme der Probanden waren Kopfschmerzen, trockene Augen, ein brennendes Gefühl in den Gebieten, wo die neuropathischen Schmerzen gespürt werden, Schwindel, Benommenheit und Husten.

Die Studie sei die erste ihrer Art – folglich sei auch die therapeutische Wirkung von gerauchtem Cannabis noch zu wenig untersucht. Die vielversprechenden Ergebnisse aus diesem Experiment motivieren die Wissenschaftler jedoch, weitere Forschungsarbeit auf dem Gebiet zu leisten.
Lange Tradition der Anwendung

Historischen Quellen zufolge wird Cannabis schon seit fast 5000 Jahren zu medizinischen Zwecken verwendet. Der chinesische Herrscher Shennong empfahl die Pflanze gleich gegen eine Reihe von Krankheiten. Auch die “Kräuterheilige” Hildegard von Bingen erwähnt die Heilfähigkeiten von Hanf in ihren Schriften.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde Cannabis immer weniger medizinisch eingesetzt. Einerseits wegen der fehlenden Standardisierung der Präparate, zum anderen wegen der behaupteten Gefährlichkeit als Rauschmittel.

So gilt Cannabis heute in den meisten Staaten als illegale Droge. In Kanada, Österreich, Deutschland, den Niederlanden, Spanien, Israel und einigen anderen Staaten sind Cannabisprodukte jedoch zu therapeutischen Zwecken erlaubt. Angewandt werden sie gegen Spasmen, Lähmungen und Krämpfen von an Multipler Sklerose Erkrankten, gegen Übelkeit und Erbrechen in Zusammenhang mit Chemo- und Strahlentherapie bei Krebserkrankungen, gegen das Tourette-Syndrom oder als Palliativmedikation bei Krebs und AIDS.

Günter Stummvoll, science.ORF.at

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