HOHEN NEUENDORF – Schweißperlen stehen den sportlichen Polizisten auf der Stirn. Mit Gartenscheren schneiden sie jeden Hanf-Stiel einzeln ab und verstauen ihn in Plastiksäcken. Alles wird abgezählt „Das ist doch mehr als wir erwartet hatten“, sagt Polizeisprecher Martin Werner nach der ersten Einsatzstunde.

Unverdrossen arbeiten sich seine jungen Kollegen durch den zwei Meter hohen Kräuterwald. Das bietet Gelegenheit, mit Wolfgang Kemsies zu sprechen. Der Kriminalhauptmeister bearbeitet im Oranienburger Kommissariat ausschließlich Drogendelikte. Für ihn ist die Menge der Hanfpflanzen „schon herausragend“. Aber gerade das sei ein Hinweis darauf, dass es sich um keinen gezielten Anbau handelt, sagt er. Außerdem sei die reguläre Erntezeit bereits vorbei. Vor allem die Blütenstände nämlich seien für die Drogenerzeuger interessant. Beim Cannabis an der Jägerstraße gebe es zwar sehr unterschiedliche Wuchsstadien, aber die Blütezeit sei seit mindestens zwei bis drei Wochen vorbei. „Wir gehen davon aus, dass dies hier Wildwuchs ist“, sagt Wolfgang Kemsies. Aus diesem Grund sei mit der Staatsanwaltschaft abgestimmt worden, dass auf einen Test zum genauen Bestimmen des Wirkstoffgehaltes verzichtet wird (Wirkstoff: Tetrahydrocannabinol, kurz THC). Ohnehin seien keine Tatverdächtigen bekannt. Nachbarn hätten ausgesagt, dass die Brachfläche – eine ehemalige Hausmülldeponie auf dem Gelände des Landgutes Stolpe – bereits seit 15 Jahren so aussehe.

Das bestätigen Ingeborg Sperling und Elke Gronau, die gerade mit ihren Hunden vorbeispazieren. Die beiden waren überrascht, als sich die „neue Art von Unkraut“ hinter ihrem Gartenzaun als Indischer Hanf entpuppte. Dass außer Wildschweinen und Füchsen noch heimlich Cannabis-Bauern über die Brache schleichen, das glaubt Ingeborg Sperling nicht. Da würde ihre Pudelhündin Genny verrückt spielen, sagt sie.

Während des Polizeieinsatzes taucht noch ein anderer Anwohner bei den Beamten auf. Der befürchtet, mit dem Füttern von Vögeln mitverantwortlich zu sein für den Cannabis-Wald. In seinem Vogelfutter aus dem Baumarkt seien Hanfsamen enthalten.

Der THC-Gehalt solcher Pflanzen sei aber zu gering, um damit eine berauschende Wirkung zu erzielen. Martin Werner vergleicht dies scherzhaft mit einem alkoholhaltigen Konfekt: „Das ist, als wenn man Mon Chéri isst, um einen Rauschzustand zu erlangen.“

Säckeweise verladen die Polizisten vom 1. Zug der 2. Einsatzhundertschaft in Oranienburg am Ende den Hanf. Wie erfolgreich die „Ernte“ wirklich ist, werden die Gesetzeshüter erst in der nächsten Vegetationsperiode sehen. „Ich schließe nicht aus, dass die Pflanzen im nächsten Jahr wieder wachsen werden“, sagt Martin Werner. Viele der Cannabispflanzen hatten bereits reichlich Samen getragen. (Von Helge Treichel)

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