Wie Kiffer in Kalifornien der Konjunktur helfen

 

 
 
Eigentlich ist Marihuana in den gesamten USA verboten. Doch mit ärztlichem Attest darf man in Kalifornien ganz legal beim Dealer einkaufen. So konnte sich dort eine umsatzstarke Industrie entwickeln.

Drogenhandel auf kalifornische Art: Der Kurier im gebügelten Hemd kommt mit dem Firmenwagen und liefert die Bestellung nach Hause. Der Kunde prüft den Inhalt der weißen Papiertüte – 3,5 Gramm Marihuanablüten aus Bioanbau gegen Allergien, die gleiche Menge einer anderen Sorte gegen Schlaflosigkeit, Lutschbonbons und Teebeutel mit dem Cannabis-Wirkstoff THC. Alles da. Dazu noch ein Gratis-Keks als kleine Aufmerksamkeit. Das Ganze macht 102 Dollar; bezahlt wird mit Kreditkarte. Nicht komplizierter als eine Pizza-Bestellung.

 
Seit Kalifornien vor 13 Jahren als erster US-Staat den Gebrauch der Droge zu medizinischen Zwecken erlaubte, ist Gras zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor herangewachsen. Anbau, Vermarktung und Zubehörindustrie blühen, schaffen Arbeitsplätze und spülen Steuergelder in die Landeskasse.

Im ganz normalen Business angekommen

Nach der voriges Jahr von den Behörden beschlagnahmten Menge zu schließen, war die Ernte schätzungsweise 17 Milliarden Dollar wert; das stellt jeden anderen Zweig der kalifornischen Landwirtschaft in den Schatten. Der größte Teil kommt Experten zufolge immer noch illegal als Freizeitdroge auf den Markt.

Doch in jüngster Zeit hat die Hanfpflanze im ganz normalen Business Wurzeln geschlagen: Geschäfte verkaufen High-Tech-Anbauzubehör, Ausgabestellen zahlen Miete und beschäftigen Angestellte, es gibt einschlägige Fachmagazine und Klinik-Ketten mit Ärzten, die sich auf die Verschreibung von Marihuana spezialisiert haben.

Linderung bei Leiden

Ziel des Gesetzes von 1996 war es, Patienten mit Aids, Krebs und Magersucht vor Strafverfolgung zu schützen, die ihre Leiden mit Hilfe von Marihuana lindern. Es erlaubte auch den Besitz einer begrenzten Menge bei «jeder anderen Krankheit, bei der Marihuana Linderung schafft». Diese vage Formulierung ermöglicht es, dass Ärzte bei praktisch allen Leiden Cannabis anraten können.

In einer Studie an fast 2.500 Patienten fand der Marihuana-Befürworter Tod Mikuriya heraus, dass drei Viertel den Stoff zur Schmerzlinderung oder bei psychischen Leiden anwenden. Inmitten von Weinbergen baut Jim Hill Hanfpflanzen für 20 Patienten an, ihn selbst und seine Frau eingeschlossen. Sie leidet an einem Serotonin-Ungleichgewicht, was beispielsweise Depressionen oder Angststörungen zur Folge haben kann, er nimmt Marihuana gegen Verdauungsbeschwerden und Krämpfe.

10.000 Dollar habe er in seine Plantage gesteckt, berichtet der 45-Jährige. Die anderen Patienten bekommen ihre Droge gratis und helfen dafür bei der Arbeit im Gewächshaus. «Als ob man im Obstgarten lebt», meint Hill. «Da bezahlt man nicht für einen Apfel.»

 

Einkauf mit ärztlicher Bescheinigung

In der «Farmacy», einer Art New-Age-Apotheke mit drei Filialen in Los Angeles, verkaufen Angestellte in Laborkitteln in edler Umgebung Naturkosmetik, Öle und Räucherwaren, Cannabis-haltiges Eis und Getränke – und 25 Sorten Pot. Kunden müssen ein ärztliches Attest vorweisen und erhalten eine Patientennummer für künftige Einkäufe. Und alle zahlen auf ihre erworbenen Produkte die 9,25-prozentige Mehrwertsteuer.

Insgesamt 18 Millionen Dollar kassiert Kalifornien jedes Jahr an Steuern auf Marihuana zu medizinischen Zwecken. Das -zigfache könnte der klamme Staat einnehmen, wenn Cannabis gänzlich freigegeben würde, argumentiert der Abgeordnete Tom Ammiano, der den Stoff genauso behandelt und besteuert sehen möchte wie Alkohol. Dem steht allerdings das Bundesgesetz entgegen, das Marihuana als Rauschgift wie Heroin und Kokain einstuft. Als Freizeitdroge ist Gras nach wie vor auch in Kalifornien verboten.

Allein im County Mendocino, einem der Hauptanbaugebiete, vernichteten die Behörden voriges Jahr 364.000 illegal angebaute Pflanzen. 2007 meldete die Polizei rund 74.000 Festnahmen wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Beim Anbau zu medizinischen Zwecken steht aber nichts zu befürchten, wie Sheriff Tom Allman erklärt: «Wer sich an die Regeln hält, kriegt mit mir keinen Ärger.»

Meredith Lintott, Staatsanwältin in Mendocino, ist nicht davon überzeugt, dass eine Freigabe von Cannabis den illegalen Drogenhandel austrocknen würde. Die Bosse würden sich doch nie die Mühe machen, eine Steuererklärung abzugeben. «Mit einer Legalisierung kommt man nicht an das große Geld heran.»

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