Autor: Dr. med. Franjo Grotenhermen Kürzlich hat eine Arbeitsgruppe chinesischer Wissenschaftler Ergebnisse von Untersuchungen zur Frage, wie Cannabinoide vor der Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) schützen, veröffentlicht. Danach hemmte ein von ihnen verwendetes synthetisches Cannabinoid die Konzentration so genannter Adhäsionsmoleküle. Diese Moleküle sind dafür verantwortlich, dass sich Fresszellen (Makrophagen) an die innere Wand von Blutgefäßen anheften. Dies ist der erste Schritt der Arteriosklerose. Erstmals hatten Wissenschaftler der Universität Genf im Jahr 2005 darüber berichtet, dass der Cannabiswirkstoff THC bei Mäusen das Fortschreiten der Arteriosklerose um ein Drittel hemmte.

Die Arteriosklerose ist eine Verhärtung der Arterien, die durch Einlagerung von Fetten, Kalzium, Zellbruchstücken und faserigen Substanzen in die Gefäßwand verursacht wird. Die Verkalkung der Gefäße ist ein normaler Alterungsprozess und kann bereits meistens im Alter von 20 Jahren nachgewiesen werden. Diese Verkalkung führen jedoch meistens erst im höheren Lebensalter zu ernsthaften Konsequenzen, wie beispielsweise Schlaganfall oder Herzinfarkt, wenn die Veränderungen weit fortgeschritten sind. Durch bestimmte Faktoren kann dieser Prozess beschleunigt werden. Dazu zählen erhöhte Cholesterinwerte im Blut, Infektionen, giftige Substanzen wie beispielsweise die Verbrennungsprodukte beim Rauchen und erhöhte Zuckerwerte beim Diabetes (Zuckerkrankheit).
Beim Beginn der Arteriosklerose spielt offenbar eine Entzündung der Innenwände der Blutgefäße eine wichtige Rolle. Voraussetzung für den Beginn der Arteriosklerose ist eine Schädigung der Zellen, die die Innenwände der Blutgefäße auskleiden, der so genannten Endothelzellen. Daran haften sich mit Hilfe der obengenannten Adhäsionsmoleküle Fresszellen an. Diese Zellen wandern in die Gefäßwand, nehmen LDL-Cholesterin (das „schlechte“ Cholesterin) auf, produzieren Entzündungsbotenstoffe, was zum Einstrom von Fetten und weiteren Blutzellen führt. Die ungebremste Aufnahme von Cholesterin durch die Makrophagen wandelt diese in fettreiche Schaumzellen um. Diese Schaumzellen sind der entscheidende Bestandteil der arteriosklerotischen Ablagerungen, die mit der Zeit verkalken.
In der Studie aus dem Jahr 2005, in der erstmals mögliche anti-arteriosklerotische Wirkungen von Cannabinoiden nachgewiesen wurden, erhielten Mäuse, die genetisch bedingt vergleichsweise schnell eine Arteriosklerose entwickeln, geringe THC-Dosen (1 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht). Diese Dosis führt bei Mäusen normalerweise noch nicht zu psychischen Wirkungen, hemmte jedoch signifikant das Fortschreiten der Gefäßverkalkung. Die Forscher hatten bereits damals eine Entzündungshemmung durch Aktivierung von Cannabinoid-2-Rezeptoren für diesen Effekt verantwortlich gemacht und geschrieben: „Daher können THC oder andere Cannabinoide, die den CB2-Rezeptor aktivieren, ein wertvolles Ziel für die Behandlung der Arteriosklerose sein.“
Interessanterweise führte in der neuen Studie eine Blockierung des CB2-Rezeptors zu einer Beschleunigung des Einbaus von Fresszellen in die geschädigten Stellen der Innenwand der Blutgefäße und zu einer Zunahme der Konzentration der Adhäsionsmoleküle. Diese Blockierung des CB2-Rezeptors verstärkte also Prozesse, die den Beginn der Arteriosklerose markieren. Daraus lässt sich schließen, dass das körpereigene Cannabinoidsystem mit seinen Endocannabinoiden der Entwicklung der Arteriosklerose entgegenwirkt. Durch eine Blockierung der Rezeptoren wird dieser natürliche Schutz dagegen ausgeschaltet.
Die Erforschung der entzündungshemmenden Eigenschaften von Cannabinoiden ist heute ein wichtiger Forschungsschwerpunkt. Viele Patienten mit chronischen Entzündungen verwenden Cannabis. Dazu zählen beispielsweise Menschen mit Entzündungen der Gelenke (Arthritis) und mit chronischen Darmentzündungen (Morbus Crohn, Colitis ulzerosa). Bei diesen Erkrankungen macht sich die Entzündungshemmung unmittelbar durch eine Linderung der Symptome bemerkbar. Wesentlich schwieriger ist die Beurteilung möglicher therapeutischer Effekte bei Erkrankungen, bei denen der therapeutische Effekt nicht sogleich wahrgenommen werden kann. Die Arteriosklerose benötigt viele Jahre und Jahrzehnte, bevor sie zu Symptomen führt. Auch ein möglicher Einfluss von Cannabinoiden auf den Krankheitsverlauf der multiplen Sklerose, wie er bei Tieren nachgewiesen wurde, ist beim Menschen nicht einfach nachzuweisen, da der natürliche Verlauf großen Schwankungen unterliegt und eine jahrelange Cannabinoid-Therapie erforderlich ist.

Franjo Grotenhermen ist Vorstand und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin

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