Der Cannabis-Anbau in Kalifornien floriert trotz oder gerade wegen der Wirtschaftskrise. Die Regierung trägt mit einer liberaleren Politik zum Boom bei.

Gegen jede Krankheit ist ein anderes Kraut gewachsen: Im Harbourside Health Center gibts auf ärztliche Verschreibung Cannabis.

Gegen jede Krankheit ist ein anderes Kraut gewachsen: Im Harbourside Health Center gibts auf ärztliche Verschreibung Cannabis.

Vermittelt Wissen über Cannabis-Anbau und -Konsum: Die Oaksterdam University.

Vermittelt Wissen über Cannabis-Anbau und -Konsum: Die Oaksterdam University.

Der Inhaber des Blue Sky Coffeeshop in Oakland hat heute andere Sorgen als Razzien durch die Polizei. Was Richard Lee beschäftigt, sind Betriebslizenzen oder Bauvorschriften wie jene über den behindertengerechten Zugang zum Lokal. Und Steuererklärungen: Die Nachfrage nach Cannabis-Produkten ist dank einem Kurswechsel der Regierung hin zum tolerierten Kleinkonsum so stark gewachsen, dass im Wirtschaftszweig bereits der Retter für leere Staatskassen gesehen wird.

«Das Umdenken von Obama hat uns einen starken Schub versetzt», sagt Richard Lee, Inhaber eines eigentlichen Cannabis-Imperiums in Oakland, darunter der Blue Sky Coffeeshop und die einzige Cannabis-Universität in den USA. «Wir verlassen die Grauzone und geschäften endlich so wie andere Wirtschaftsbereiche auch.» In Kalifornien sind rund 3 Millionen Einwohner – oder knapp ein Zehntel – mehr oder weniger regelmässige Haschkonsumenten – mit stark steigender Tendenz. Der Umsatz wird auf 14 Milliarden Dollar geschätzt, womit Cannabis Platz eins unter allen Agrarrohstoffen einnimmt. In einzelnen Counties im Norden des Staates macht der klandestine Cannabis-Anbau 60 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.

Rückenwind dank Rezession

«Die Rezession hilft uns in doppelter Hinsicht»,

führt Lee bei einem Rundgang durch den Coffeeshop aus. «Der Staat hat leere Kassen und hofft, mehr Steuern auf den Cannabis-Produkten einzunehmen. Mehr und mehr Arbeitslose kommen zu uns, um selber ins Geschäft einzusteigen.» Der 46-jährige frühere Beleuchter hat vor zwei Jahren die Oaksterdam-Universität eröffnet und nach eigenen Angaben mehr als 5000 Studenten in rechtlichen, sozialen, gesundheitlichen und anbautechnischen Aspekten des Cannabis-Anbaus unterrichtet. Die Schule hat bereits zwei Filialen eröffnet und beschäftigt in Oakland gut 50 Lehrkräfte und Berater. Der Name ist angelehnt an Amsterdam, dem erklärten Vorbild des Cannabis-Pioniers. «Mein Ziel ist es, Oakland zu einer Touristenattraktion zu machen, wie es Amsterdam in Europa ist.»

Ein Haupthindernis der Cannabis-Wirtschaft ist seit wenigen Wochen beseitigt. Wie vor den Wahlen versprochen, leitete die Regierung Obama einen markanten Kurswechsel bei der Strafverfolgung ein. Razzien in Verkaufslokalen werden keine mehr durchgeführt, und Kleinkonsumenten müssen nicht mehr mit polizeilichen Übergriffen rechnen. Justizminister Eric Holder will die Strafverfolgung vielmehr auf harte Drogen sowie den bandenmässig organisierten Handel konzentrieren. Rechtlich ändert dies vorerst nichts an der konfusen Drogenpolitik, wo eine national restriktive mit einer bundesstaatlich liberaleren Anwendung kollidiert. Aber der Trend ist eindeutig: Neben den 13 Bundesstaaten, die den Anbau und Verkauf von Cannabis zu medizinischen Zwecken bereits billigen, liegen in weiteren 15 Bundesstaaten ähnliche Initiativen auf dem Tisch. Ähnlich wie nach der Aufhebung der Prohibition von Alkohol ist damit eine stufenweise Freigabe von Cannabis in Gang gekommen, die gemäss Umfragen in Kalifornien von 56 Prozent der Bürger unterstützt wird.

Schielen auf Steuereinnahmen

Die Wirtschaftskrise hat das Umdenken auch bei den Politikern beschleunigt. Der demokratische Abgeordnete Tom Ammiano legte vor kurzem in Sacramento einen Gesetzesentwurf vor, wonach der Cannabis-Verkauf vollkommen – also über den medizinischen Gebrauch hinaus – legalisiert und gleichzeitig mit einer Sondersteuer von 50 Dollar pro Pfund belegt werden soll. Die erhofften Einnahmen: über 1 Milliarde Dollar. Sollte sich der Trend zur schrittweisen Freigabe über Kalifornien hinaus ausbreiten, worauf Umfragen hindeuten, so dürfte dies den finanziell angeschlagenenen Bundesstaaten entgegenkommen. Eine Untersuchung der Universität Harvard schätzt den Nutzen einer landesweiten Liberalisierung auf über 20 Milliarden Dollar, zusammengesetzt aus zusätzlichen Steuereinnahmen von gut 7 Milliarden Dollar und 13,5 Milliarden an Einsparungen bei der Strafverfolgung.

Im kommenden Herbst stimmen die Kalifornier über eine Initiative zur Liberalisierung des Cannabis-Konsums ab. Wie viel auf dem Spiel steht, zeigt das Abstimmungsbudget der Befürworter von rund 20 Millionen Dollar. Die Mittel dazu stammen aus dem Verkauf von Cannabis-haltigen Medizinalprodukten, von Geräten und Maschinen für den Anbau, von Rauchutensilien, T-Shirts, haschversetzten Getränken und Gebäcken sowie der Hanfpflanzen selber. «Wir profitieren erheblich davon, dass Cannabis noch immer nur halbwegs legal ist», sagt Lee. «Das treibt die Preise nach oben; umso mehr, als die meisten Konsumenten Ware aus Kalifornien vorziehen.» Den Unterschied beschreibt er so: «Unsere Ware ist wie ein frisches Heineken; die Mexikaner liefern abgestandenes Budweiser.»

Theorie für Haschhändler

Die Feinheiten werden an der Oaksterdam-Universität in Grundkursen wie «Cannabis 102» gelehrt, ebenso die Differenz zwischen einem genossenschaftlichen (theoretisch nicht gewinnorientierten) Verkaufsbetrieb und einem nicht lizenzierten Unternehmen. Solche Unterschiede sind wichtig für jene, die legal ins Geschäft einsteigen wollen.

Während unseres Kurzbesuchs melden sich mehr als zwei Dutzende Interessenten an – die meisten nach eigenen Aussagen mit der Absicht, eine neue Berufsperspektive zu finden. Latanya Linzie gehört zu ihnen. Sie litt jahrelang unter starken Schmerzen, für welche die Ärzte keine Linderung fanden, und verlor deswegen ihre Stelle. Cannabis habe ihr schliesslich geholfen, sagt sie, und danach sei endlich eine Diagnose möglich geworden, die eine schmerzhafte Erbkrankheit zutage förderte und eine Behandlung möglich machte. «Seitdem arbeite ich selber als Beraterin an der Hochschule. Das Interesse an unseren Kursen ist umwerfend.»

In Kalifornien gibt es bereits mehr als 700 Geschäfte für medizinisches Marihuana. Dass der Markt schon gesättigt ist, ist nicht anzunehmen. «Cannabis ist wie jede andere Droge», sagt Lee. «Nach dem Ende der Prohibition nahm auch der Alkoholumsatz ständig zu, und der Markt ist noch immer am Wachsen. Mit Cannabis wird es nicht anders sein – vor allem dann, wenn die Leute merken, dass Cannabis weit weniger gefährliche Nebenwirkungen hat als Alkohol.»

Quelle: Tages-Anzeiger

Please follow and like us: