750.000 Kiffer in Gefängnissen

In der New York Times fand vor kurzem eine Debatte über die Legalisierung von Cannabis statt. Die wichtigsten Argumente im Überblick

Angestrichen:

What would be the effect of legalization or decriminalization on marijuana abuse and addiction?



Wo steht das denn?
In der New York Times, und zwar im Room for Debates

Die Debatte hat etwas Schimmliges an sich: Ob Kiffen legalisiert werden sollte oder nicht, darüber hat man bereits gefühlte 37 Mal an WG-Küchentischen diskutiert. Mit dem immergleichen Ergebnis: Die Kiffer sind eben dafür und die Nicht-Konsumenten befürchten eine zunehmende Zahl von Drogenkonsumenten – nicht zuletzt deshalb, weil der Wirkstoffgehalt von Cannabis in den letzten Jahren stark angestiegen ist.
In den USA ist das nicht anders, allerdings landen dort pro Jahr 750000 Menschen wegen Cannabis-Delikten im Gefängnis. Dies und andere Faktoren machen die Frage der Legalisierung auch zu einer ökonomischen. Denn wer im Gefängnis sitzt, kostet den Steuerzahler Geld.
Mit dem Liberalisierungsschub, den die Wahl Obamas zum Präsidenten ausgelöst hat, ist auch Bewegung in eine sehr alte Debatte gekommen.
Die New York Times veröffentlichte am 17. Juli Plädoyers von vier Professoren und einem ehemaligen Polizeichef, die sich aus verschiedenen Gründen für eine Legalisierung von Cannabis aussprechen. jetzt.de hat die wichtigsten Argumente gesammelt:

Roger Roffman ist Professor für Social Work an der University of Washington
Unterschieden werden müsse zwischen eine Legalisierung, die den freien Anbau und Verkauf von Marihuana bedeutet, und der Entkriminalisierung, die den Besitz von kleinen Mengen erlaubt. In den Niederlanden ist Cannabis entkriminalisiert, nicht legalisiert. Dort stieg der Konsum an, als mehr Coffee-Shops eröffneten und er ging zurück, als deren Zahl reduziert und das Eintrittsalter auf 18 angehoben wurde.

Wayne Hall ist Professor für Public Health Policy an der University of Queensland in Australia.
Auch Hall spricht sich für eine Legalisierung aus. Cannabis-Produkte sollten nach ihrem THC-Gehalt besteuert werden. Somit können Sorten mit einem sehr hohen Wirkstoffgehalt derart verteuert werden, dass sie für den Konsumenten uninteressant werden. Er spricht sich außerdem für Warnhinweise und ein Verkaufsverbot an Minderjährige aus.

Mark A.R. Kleiman ist Professor für Public Policy an der University of California, Los Angeles. Er ist außerdem Redakteur des “Journal of Drug Policy Analysis” und Autor des Buches “Against Excess: Drug Policy for Results.”
Unbestritten ist, dass der THC-Gehalt von Cannabis heute höher ist als in den 70ern. Das hat aber lediglich zur Folge, dass Kiffer die Droge anders dosieren. Darüber hinaus ist nicht bewiesen, dass ein höherer THC-Gehalt auch schneller und stärker abhängig macht. Nur im Falle einer Legalisierung könne der THC-Gehalt kontrolliert werden. Kleiman hält eine unkontrollierte Legalisierung von Cannabis für gefährlich: Eine solche Branche, die nur nach den Regeln von Angebot und Nachfrage funktioniert, würde wie die Alkoholindustrie die Hälfte ihrer Erlöse mit Abhängigen erwirtschaften. Wenn Produzenten ihr Geld mit der Krankheit anderer verdienen, habe das desaströse Auswirkungen. Sinnvoll ist es deshalb, den privaten Anbau und den von kleinen Kooperativen zu legalisieren.

Peter Reuter ist Professor am Department of Criminology an der University of Maryland.
Etwa die Hälfte der nach 1960 geborenen US-Bürger hat mindestens einmal Cannabis konsumiert. In europäischen Staaten ist diese Zahl etwas niedriger. In den Niederlanden haben zum Beispiel sechs Prozent der 15- bis 64-Jährigen im letzten Jahr Marihuana konsumiert; in den USA waren es im selben Zeitraum 11 Prozent. Trotz dieser Zahlen würde eine Legalisierung wahrscheinlich mehr Menschen dazu verleiten, Cannabis zu auszuprobieren. Es könnte auch zu einer höheren Zahl von Abhängigen kommen. Doch diese Risiken müsse man abwägen gegen die Tatsache, dass jedes Jahr über 700.000 Bürger wegen Cannabis-Delikten im Gefängnis landen.

Norm Stamper war von 1994 bis 2000 der Polizeichef von Seattle. Er ist Mitglied von “Law Enforcement Against Prohibition” und Autor des Buches “Breaking Rank: A Top Cop’s Exposé of the Dark Side of American Policing.”
Die Prohibition von Cannabis führt bei vielen Konsumenten zu einer Geringschätzung des Gesetzes und jener Personen, die es vertreten. Im Falle einer Legalisierung müsse man wohl mit einem Anstieg der Erstkonsumenten rechnen – allerdings weist die USA bereits jetzt schon den höchsten Pro-Kopf-Konsum auf – trotz hoher Strafen. Eher wahrscheinlich sei ein Rückgang des Cannabis-Konsums, da sich – ähnlich wie bei Zigaretten – die Aufklärung verbessern würde. Erfahrene Konsumenten rauchen ohnehin weniger von qualitativ hochwertigem Marihuana – sinnvoll wäre deshalb eine Angabe des Wirkstoffgehalts wir bei Alkoholika für weniger erfahrene Kiffer.

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